2021

ANDERE BRAUCHEN IHREN SITZPLATZ VIELLEICHT NOTWENDIGER

Eine Ausstellung der Industriedesign Studierenden der Universität für angewandte Kunst Wien, Klasse Stefan Diez

21.05.2021 bis Anfang September 2021
Mittwoch bis Samstag, 15:00 - 19:00
Galerie FRANZ JOSEFS KAI 3

Mit den Dingen arbeiten, die sonst niemand mehr gebrauchen kann: In der Ausstellung „Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger“ werden Stühle präsentiert, die Studierende der Industrial Design Klasse aus kaputten Möbelstücken und ausrangierten Gegenständen gefertigt haben. Was sonst auf dem Müll gelandet wäre, wurde wiederbelebt, umgedeutet, neu kombiniert und ist so wieder Teil eines Gebrauchsgegenstandes geworden. Der Erlös der Auktion wird an das Flüchtlingsprojekt Ute Bock gespendet.

,,All creatures with bottoms / no wings / sit. / They need to sit / love to sit / have to sit / must sit.”, schreibt die chinesische Dichterin Lü Yue. Stühle sind viel beschäftigte Objekte, sie müssen uns tragen und gleichzeitig ästhetischen Ansprüchen genügen. Hören sie auf, ihre Funktion zu erfüllen, oder verlieren an emotionalem Wert, werden sie entsorgt. Sie werden auf die Straße gestellt, im Internet verschenkt oder landen im Müll. Aber welches Potential könnten diese Gegenstände haben? Was passiert, wenn man sie nicht als unbrauchbar erklärt, sich stattdessen die Frage stellt, wie das scheinbar nutzlose Material so repariert, in Einzelteile zerlegt und rekombiniert werden kann, dass daraus wieder ein Gebrauchsgegenstand entsteht?

Die Studierenden der Industriedesign Klasse an der Universität für Angewandte Kunst haben sich in Teams auf die Suche gemacht, nach dem Alten, Kaputten oder nicht mehr Modischen. Kurz: Nach Gegenständen, die nicht mehr gewollt werden. Aus jeweils zwei bis drei der ausrangierten Gegenstände sollte ein neuer Stuhl entstehen. Die Stühle werden anschließend bei einer Auktion versteigert, um den Erlös zu spenden.

Zu diesem Zweck haben die Studierenden in Mülltonnen gespäht, sind durch die endlosen Anzeigen auf Willhaben.at gescrollt und haben die Straßen Wiens nach potentiellen Materialien abgesucht. Relevant erschien ihnen dafür nicht nur, was schon Stuhl war, sondern auch das, was Teil eines Stuhls werden könnte. Bänke und Straßenbahnsitze - durchgesessen, verbogen, mit rissigem Bezug oder einfach hässlich anzusehen, aber auch ein Bügelbrett aus einem fernen Jahrzehnt, eine Satellitenschüssel, die kein Signal mehr empfängt, ein einzelnes Stück sperriger Metallzaun, ein Einkaufswagen oder eine Kabeltrommel. Anschließend wurden die Gegenstände umgedeutet, als Material wiederbelebt und als Baustein von etwas Neuem begriffen. Es wurde geschweißt, gebogen, geflext, geschnitten, verleimt, geschliffen, gebohrt, oder mit Bändern verbunden, genäht, verkeilt, oder gestapelt, manchmal minimal verändert, eine Grundform nur erweitert, manchmal so verarbeitet, dass diese Grundform fast gar nicht mehr erkennbar war.

Mit dem Alten, dem Ausrangierten arbeiten, das bedeutet immer auch: In Dialog treten mit dem, was davor war. Die Arbeit der Studierenden ist bei diesem Projekt nicht, wie normalerweise, vom weißen, unbeschriebenen Papier ausgegangen. Vielmehr war sie bildhauerisch, das heißt, sie musste von einem bereits existenten, beschriebenen Material aus gedacht werden, um eine neue Form zu finden. Der Prozess verlief zirkulär: Fehlte an bestimmten Stellen noch Material, wurde wieder gesucht, das neue Material wiederum führte zu neuen Ideen.

Entstanden sind dreiunddreißig Stühle, die nun vom 21.05.2021 bis 02.07.2021 in der Ausstellung ,,Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger“ zu sehen sind. Sie können betrachtet, gekauft und im wahrsten Sinne des Wortes besessen werden. Der Erlös der Auktion geht an die gemeinnützige Ute-Bock Stiftung, die seit 2002 mit viel Engagement Geflüchtete in Österreich unterstützt, während für die Stühle eine Art zweites Leben beginnt.


Konzept und Projektleitung
Christoph Wimmer-Ruelland

Kurator:innen
Georg Adam, Selin Göksu, Catherine Hu, Lisa Leitgeb, Benjamin Nagy, Liza Sočan

Grafisches Konzept und Gestaltung
Selin Göksu, Catherine Hu

Texte
Jana Diewald, Pauline van Gemmern

Studio Fotografie
Georg Adam, Christoph Wimmer-Ruelland
Werkstätte Digitale Fotografie, Universität für angewandte Kunst Wien

Ausstellungsfotografie
Lea Sonderegger

 

Agnes Schlager, Joachim Tenhalter
Agnes Schlager, Joachim Tenhalter
Agnes Schlager, Joachim Tenhalter
Agnes Schlager, Joachim Tenhalter
Alexander Allroggen, Ludwig Bachmann
Alexander Allroggen, Ludwig Bachmann
Alexander Allroggen, Ludwig Bachmann
Alexander Allroggen, Ludwig Bachmann
Anna Rose Ableidinger, Moriz Fischer
Anna Rose Ableidinger, Moriz Fischer
Anna Rose Ableidinger, Moriz Fischer
Anna Rose Ableidinger, Moriz Fischer
Anton Defant, Johanna Defant
Anton Defant, Johanna Defant
Anton Defant, Johanna Defant
Anton Defant, Johanna Defant
Benjamin Nagy, Anton Posch
Benjamin Nagy, Anton Posch
Benjamin Nagy, Anton Posch
Benjamin Nagy, Anton Posch
Cathrine Hu, Benjamin Nagy
Cathrine Hu, Benjamin Nagy
Cathrine Hu, Benjamin Nagy
Cathrine Hu, Benjamin Nagy
Denis Kurtanovic, Johanna Schlosser
Denis Kurtanovic, Johanna Schlosser
Denis Kurtanovic, Johanna Schlosser
Denis Kurtanovic, Johanna Schlosser
Emilie Karaskova, Sofia Kocher
Emilie Karaskova, Sofia Kocher
Emilie Karaskova, Sofia Kocher
Emilie Karaskova, Sofia Kocher
Felix Eselböck, Flora Sommer, Jakob Stötzler
Felix Eselböck, Flora Sommer, Jakob Stötzler
Felix Eselböck, Flora Sommer, Jakob Stötzler
Felix Eselböck, Flora Sommer, Jakob Stötzler
Franz Mühringer, Max Rohregger
Franz Mühringer, Max Rohregger
Franz Mühringer, Max Rohregger
Franz Mühringer, Max Rohregger
Georg Adam, Christoph Wimmer-Ruelland
Georg Adam, Christoph Wimmer-Ruelland
Georg Adam, Christoph Wimmer-Ruelland
Georg Adam, Christoph Wimmer-Ruelland
Jasmit Hof, Camilla Ruh
Jasmit Hof, Camilla Ruh
Jasmit Hof, Camilla Ruh
Jasmit Hof, Camilla Ruh
Juiane Fink, Karin Markoski
Juiane Fink, Karin Markoski
Juiane Fink, Karin Markoski
Juiane Fink, Karin Markoski
Lara Friesz, Rita Schneeberger
Lara Friesz, Rita Schneeberger
Lara Friesz, Rita Schneeberger
Lara Friesz, Rita Schneeberger
Lilian Furrer, Xaver Wizany
Lilian Furrer, Xaver Wizany
Lilian Furrer, Xaver Wizany
Lilian Furrer, Xaver Wizany
Lisa Leitgeb, Sergei Renzo Saraiva
Lisa Leitgeb, Sergei Renzo Saraiva
Lisa Leitgeb, Sergei Renzo Saraiva
Lisa Leitgeb, Sergei Renzo Saraiva
Magda Baran, Robert Männa, Leony Schmidig
Magda Baran, Robert Männa, Leony Schmidig
Magda Baran, Robert Männa, Leony Schmidig
Magda Baran, Robert Männa, Leony Schmidig
Paul Canfora, Liza Socan, Gergely Vass
Paul Canfora, Liza Socan, Gergely Vass
Paul Canfora, Liza Socan, Gergely Vass
Paul Canfora, Liza Socan, Gergely Vass
Philipp Pranzl, Fabio Schumi
Philipp Pranzl, Fabio Schumi
Philipp Pranzl, Fabio Schumi
Philipp Pranzl, Fabio Schumi
Selin Göksu, Michelle Schäffer
Selin Göksu, Michelle Schäffer
Selin Göksu, Michelle Schäffer
Selin Göksu, Michelle Schäffer
Steven Dahlinger, Catherine Hu, Alice Klarwein
Steven Dahlinger, Catherine Hu, Alice Klarwein
Steven Dahlinger, Catherine Hu, Alice Klarwein
Steven Dahlinger, Catherine Hu, Alice Klarwein
Wilhelm Berbig, Dana Volavsek
Wilhelm Berbig, Dana Volavsek
Wilhelm Berbig, Dana Volavsek
Wilhelm Berbig, Dana Volavsek
 
 
360 Grad Ansichten

 
Barbara Hammer
WOMEN I LOVE

Eröffnung: 04.03. 2021, 18 Uhr
Ausstellung: 05.03 – 16.05. 2021
Franz Josefs Kai 3, A-1010 Vienna

bis 2. Mai Besuch nur nach Vereinbarung
3.05.-16.05
täglich: 12-18 Uhr

Kontakt: fiona.liewehr@chello.at
+43 680 50 62 133

Kuratorin: Fiona Liewehr
Ausstellungsgestaltung & Grafik: Toledo i Dertschei

Barbara Jean Hammer (*1939 in Hollywood, Los Angeles † 2019 in Manhattan, New York City) gilt als Pionierin des queer und feministischen Kinos und war eine der ersten Filmemacherinnen, die sich explizit der Sichtbarmachung lesbischer Lebensrealitäten widmete. In experimentellen sowie dokumentarischen Filmen, Photografien, Zeichnungen Collagen und Performances setzte sich die Künstlerin mit dem Aufbrechen vorherrschender Geschlechterrollen, lesbischer Identität und Sexualität auseinander. Hammer beleuchtete in ihren Arbeiten tabuisierte Themen wie Altern, Krankheit und Tod. Die Künstlerin stellte sich den Herausforderungen persönlicher wie politischer Identitäten und dekonstruierte
Narrative und Strukturen, die Frauenbilder unterdrücken. Sie brachte das Medium Film, im Geiste des ‚Expanded Cinema‘ der 60er und 70er Jahre durch Veränderung des optischen Filmmaterial unter Verwendung von Malerei, Sound und Text an seine Grenzen.

Mit Experimentalfilme wie Sisters! (1973), Dyketactics (1974), Multiple Orgasmus (1976) oder Double Strength (1978) entmachtete sie die damals vorherrschenden Rollenbilder und pornographischen Fantasien männlicher Künstler und Filmemacher und legte zeitgleich den Grundstein für ein queer-feministisches Kino. Auf ihren Reisen durch die Vereinigten Staaten, Afrika und Europa sammelte sie mit Photografien und Filmen Ideen von Frauen und homosexuellen Erfahrungen. Die größtenteils schwarz weißen Photografien zeigen gemeinsame Momente am Filmset, private und öffentliche Situationen sowie zwischenmenschliche Atmosphären von Freunden_innen. Dabei ist Hammers fotografischer Blick nie voyeuristisch sondern vermittelt eine selbstbestimmte, zärtliche Nähe, die die Protagonist_innen in ihrer intimen Natürlichkeit bestärken.

In ihren abendfüllenden Dokumentarfilmen Nitrate Kisses (1992), Tender Fictions (1995) und History Lessons (2000) stellte Barbara Hammer Fragen nach der kulturell und soziopolitischen Geschichtskonstruktion von Queerness und deren Community. Autobiographische Alterung- und Gesundheitsprobleme, wie ihre Diagnose Eierstockkrebs, verarbeitete sie in A Horse is not a Methaphor (2008). Durch die Annäherung an fundamentale Empfindungen wie Liebe und Tod und den Versuch ihr Publikum unmittelbar einzubeziehen, wollte sie es auch zu kritischem, gesellschaftspolitischen Denken und Handeln motivieren.

Die erstmals in Österreich retrospektiv angelegte Ausstellung fokussiert auf Inhalt und Bedeutung ihrer bildnerischen Verschränkung von Filmen, Photografien, Zeichnungen Collagen und Performances. Die Ausstellung entwickelt ein Bild von Hammer als engagierte Aktivistin für die Gleichheit aller Geschlechter und Fürsprecherin der Menschenrechte. In Filmen, Fotos wie auch Interviews vereint die Ausstellung autobiographisches Material und künstlerische Arbeit, die für viele zeitgenössische Künstler_innen wegweisend ist.

Women I Love entsteht in Zusammenarbeit und Hilfe mit dem Estate von Barbara Hammer und ihrer Witwe, der Menschenrechtsanwältin Florrie R. Burke. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Salon für Kunstbuch, Wien.

Barbara Jean Hammer wurde 1939 in Hollywood geboren. Ihre Dokumentar- und Experimentalfilme zählen zu den frühesten und umfangreichsten Darstellungen von lesbischer Identität, Liebe und Sexualität. Begleitend zu ihrer Karriere als Filmemacherin hat Hammer immer wieder mit Photographie, Performance und Installation gearbeitet. Sie hatte Filmretrospektiven im Jeu de Palme (Paris), im Museum of Modern Art (New York), in der Tate Modern (London), in der National Gallery of Art (Washington, DC), Kunsthall (Oslo, Norwegen), beim Toronto Film Festival und beim Pink Life Queer Festival (Ankara und Istanbul, Türkei). Ihre Arbeiten waren auf den Whitney-Biennalen 1985, 1989 und 1993 zu sehen und sind in den ständigen Sammlungen des Australian Center for the Moving Image, des Museum of Modern Art (New York), des Centre Georges Pompidou und anderer Institutionen vertreten. Sie ist die Autorin von Hammer! Making Movies Out of Sex and Life (2010). Ihr Künstlerbuch Truant: Photographs, (1970 – 1979) erschien 2017. Mit Film-Retrospektiven im New Yorker MoMA im Jahr 2010 und in der Tate Modern in London im Jahr 2012 hat das Interesse der Kunstwelt an Hammers Werken in letzten Jahren zugenommen. Hammer war viele Jahren Lehrerin und hatte eine Professur an der European Graduate School in Saas-Fee (CH) inne. Sie starb 2019.

Estate Barbara Hammer
https://companygallery.us/artists/estate-of-barbara-hammer
https://kow-berlin.com/artists/barbara-hammer

Website of the artist

Foto Wien

Salon für Kunstbuch

Barbara Hammer, Put a Lesbian in The White House, performance postcard (January 1980) Oakland, California, Photo: Fran Tonelli.
all images: © Estate Barbara Hammer, courtesy: KOW, Berlin